Psycho-Spione und die Bundeslade
Stell dir vor, es ist der Höhepunkt des Kalten Krieges. Die USA und die Sowjetunion belauern sich mit Atomwaffen, Satelliten und Doppelagenten. Doch in einem unscheinbaren Bürogebäude in Fort Meade, Maryland, geschieht etwas völlig anderes. Dort sitzen Männer und Frauen in schallisolierten Räumen, schließen die Augen und versuchen, allein mit der Kraft ihrer Gedanken in sowjetische Bunker zu blicken.
Das klingt nach dem Drehbuch für „Stranger Things“ oder „Männer, die auf Ziegen starren“. Aber in den späten 1980er Jahren war dies bitterer Ernst. Das Projekt hieß Sun Streak.
Und das Verrückteste daran? Sie suchten nicht nur nach russischen U-Booten. Sie suchten nach der biblischen Bundeslade.
Was war Projekt Sun Streak?
Bevor wir zu Indiana Jones kommen, müssen wir den Kontext verstehen. Project Sun Streak (aktiv von ca. 1986 bis in die frühen 90er) war ein streng geheimes Programm der Defense Intelligence Agency (DIA). Es war der Nachfolger früherer Versuche wie Grill Flame und ein Vorläufer des später bekannteren Stargate Project.
Das Ziel war die militärische Nutzung von Remote Viewing (Fernwahrnehmung). Die Idee: Ein begabter „Viewer“ bekommt geografische Koordinaten oder ein Foto in einem verschlossenen Umschlag und beschreibt dann mental, was sich an diesem Ort befindet – egal ob der Ort 10 oder 10.000 Kilometer entfernt ist.
Die Missionen waren meist pragmatisch: Wo werden amerikanische Geiseln im Libanon festgehalten? Was bauen die Sowjets in diesem geheimen Hangar? Doch ab und zu driftete das Projekt ins Fantastische ab.
Mission: Indiana Jones – Die Suche nach der Lade
In den inzwischen freigegebenen CIA-Akten (die das Projekt später übernahm) findet sich eine der kuriosesten Episoden der Geheimdienstgeschichte. Die Handler von Sun Streak fragten sich: Wenn wir durch Raum und Zeit sehen können, warum lösen wir dann nicht die größten Rätsel der Menschheit?
Die Mission: Die Lokalisierung der Bundeslade.
Das Protokoll der Sitzung
Ein Remote Viewer wurde beauftragt, das biblische Artefakt zu finden. Ohne physisch den Raum zu verlassen, begab sich der PSI-Spion auf die mentale Reise. Die Protokolle dieser Sitzungen lesen sich wie ein Fiebertraum:
- Der Ort: Der Viewer beschrieb eine unterirdische Struktur, tief verborgen in einer Wüstenregion (oft assoziiert mit Ägypten oder Äthiopien).
- Die Tunnel: Er sah komplexe Tunnelsysteme und Fallen, die den Zugang verwehrten.
- Das Objekt: Er beschrieb ein Objekt, das eine immense, fast strahlende Energie ausstrahlte. In den Transkripten ist oft von einem „zylindrischen“ oder „rechteckigen“ Objekt die Rede, das von einer Art Halo umgeben ist. Der Viewer warnte sogar vor einem Gefühl der Gefahr oder „Macht“, die von dem Objekt ausging – fast so, als ob die biblischen Warnungen, die Lade nicht zu berühren, psychisch wahrnehmbar wären.
Es ist schwer zu sagen, ob die Militärs wirklich vorhatten, ein Bergungsteam loszuschicken, oder ob dies nur ein Test war, um die Grenzen der Fähigkeiten der Viewer auszuloten.
Realität vs. Fiktion: Hat es funktioniert?
Hier kommt der Dämpfer: Die Bundeslade steht heute nicht im Pentagon (oder in einem riesigen Lagerhaus, wie am Ende von Jäger des verlorenen Schatzes).
Das Hauptproblem von Sun Streak – und allen Remote-Viewing-Programmen – war die Zuverlässigkeit. Die „Treffer“ waren oft vage. Ein Viewer konnte zwar präzise eine geheime Radaranlage beschreiben, aber beim nächsten Mal eine völlig falsche Vision haben.
Im Fall der Bundeslade gab es keine verifizierbaren Koordinaten, kein „X markiert den Punkt“, das man hätte überprüfen können. Die Vision blieb genau das: eine Vision.
Das Ende von Sun Streak
In den 1990ern wurde das Programm unter dem Namen Stargate zusammengefasst und an die CIA übergeben. 1995 zog der Geheimdienst den Stecker. Ein externer Bericht (der AIR-Report) kam zu dem Schluss, dass Remote Viewing zwar statistische Anomalien aufwies, aber keinen operativen Nutzen für die Spionage hatte. Die Informationen waren zu schwammig, um darauf basierend Raketen abzufeuern oder Soldaten in Gefahr zu bringen.
Fazit
Project Sun Streak bleibt ein faszinierendes Zeitdokument. Es zeigt uns eine Ära, in der die Angst vor dem Gegner so groß war, dass man bereit war, jede noch so abwegige Methode zu finanzieren. Die Vorstellung, dass hochdekorierte US-Offiziere in einem dunklen Raum saßen und auf die telepathische Entdeckung eines biblischen Artefakts warteten, ist heute fast komisch – aber sie ist Teil der echten Geschichte.
Vielleicht liegt die Bundeslade noch immer dort draußen im Sand verborgen. Aber eines wissen wir sicher: Nicht einmal die besten Psycho-Spione der USA konnten sie finden.
Mit verschwörerischen Grüßen,
Euer Krischan
Quellen und weiterführende Links
Wer tiefer in die „X-Akten“ der echten Welt eintauchen möchte, findet hier direktes Material:
- CIA Electronic Reading Room – The Stargate Collection: Hier hat die CIA über 12.000 Dokumente zum Thema Remote Viewing veröffentlicht, inklusive der Akten zu Sun Streak, Grill Flame und Center Lane. Dies ist die primäre Quelle für fast alle heute bekannten Informationen. Zur Sammlung (CIA.gov)
- Der AIR-Report (1995): Die offizielle Studie des American Institutes for Research, die letztendlich zur Einstellung des Programms führte. Der Bericht analysiert die wissenschaftliche Validität der Experimente. An Evaluation of Remote Viewing: Research and Applications
- Dokumentation: Third Eye Spies (2019) – Eine Dokumentation, die sich speziell mit dem Stargate-Programm befasst und Interviews mit ehemaligen Viewern wie Russell Targ enthält.
